„Nasenarbeit mit dem Hund: immer der Nase nach“ – ein Erfahrungsbericht von Tonia Wessel-Schneider

Nasenarbeit mit dem Hund: die Ideal-Vorstellung:

Da kommen sie…

Das eingespielte Mensch-Hund-Team im Einsatz.

Der Mensch bis an die Zähne bewaffnet, in schwarzer Spezialeinheit-Montur, die Sonnenbrille lässt den ernsten und entschlossenen Gesichtsausruck nur vermuten.

Die dünne Leine in seiner Hand ist stramm und wird mit Kraft festgehalten. Am vorderen Ende der Leine dann der Hund. Das Schnüffeln ist deutlich zu hören und wechselt sich mit Hecheln ab.

Der Hund zieht mit Kraft nach vorne, der Mensch hängt leicht nach hinten gelehnt hinten dran. Der Kopf des Hundes geht suchend hin und her, während die Pfoten sich in den glatten Flugplatzboden stemmen, um noch schneller vorwärts zu kommen. Dann geht der Kopf des Hundes abrupt nach links, er nimmt noch mehr Fahrt auf, die Körperspannung und jeder einzelne Muskel sind durch das glatte Fell zu erkennen.

Plötzlich bleibt der Hund stehen, schnüffelt noch einmal intensiv und legt sich flach auf den Boden, die Schnauze zeigt auf einen kleinen schwarzen Koffer.

Der Mensch kommt hinzu, öffnet den Koffer und wird fündig…

Nasenarbeit mit dem Hund: Fragen über Fragen…

Ist das Nasenarbeit?

Ist es „nur“ das Suchen?

Ist das nicht eigentlich einfach?

Nasenarbeit mit dem Hund

Wie „funktioniert“ Nasenarbeit überhaupt? Wie finden Hunde verschwundene Menschen und was ist, wenn ein Mensch nicht in der Stadt, sondern im Wald oder gar in einer Lawine verschollen ist? Was ist, wenn es draußen stürmt, regnet, hagelt oder 40 Grad Celsius hat?

Ist es wichtig, dass der Hund beim Suchen rennt? Ist es nicht besser, wenn er sich Zeit lässt und dafür gründlich ist? Was muss ein Hund überhaupt für die Nasenarbeit mitbringen? Stimmen die landläufig bekannten und weit verbreiteten Mythen, die sich um die Nasenarbeit ranken? Spielt die Genetik des Hundes eine Rolle oder ist es „nur“ das Training?

Wie trainiert man Nasenarbeit überhaupt? Wie sehr wird der Hund beim Suchen von der Körpersprache oder anderen unbewussten Signalen seines Menschen beeinflusst?

Diese und noch mehr Fragen beschäftigten mich recht intensiv. Bereits mein Hundetrainerstudium habe ich aus der Motivation „Stimmt das eigentlich alles, was die Leute und die Trainer einem so erzählen und falls es stimmt, warum stimmt das bzw. warum stimmt es nicht?“ heraus absolviert.

Ich will es wissen. Ich will es im Detail wissen, weil es mir nicht reicht, beim Mantrailen hinter meinem Hund herzurennen, nach 500 m im anaeroben Bereich zu sein und dann zu gucken, ob er findet und falls ja, wie schnell.

Antworten…?

Nasenarbeit ist weit mehr als ein Hund, der auf der Suche nach einem bestimmten Geruch durch die Gegend rast und der Mensch fliegt hinterher.

Ich entschied mich daher für eine einjährige Ausbildung ausschließlich im Bereich der Nasenarbeit bei Frau Dr. Ute Blaschke-Berthold von CumCane und habe es nicht bereut!

Theorie und Praxis, „Experimente“ und diverse Trainingseinheiten mit meinem eigenen Hund, spannende Situationen und nicht zuletzt viele verblüffende Momente habe ich erleben dürfen und mein Fazit ist:

Nasenarbeit ist faszinierend, spaßig, anspruchsvoll, überraschend, spannend, abwechslungsreich und wissenschaftlich.

Nasenarbeit mit dem Hund

Sie eignet sich für junge, alte und gehandicapte Hunde, schult den Menschen-Blick für den Hund, seine Bedürfnisse, seine Emotionen, seine Persönlichkeit, seine Tagesform und ja, es stimmt was man sagt, sie gibt einem das unschlagbare Gefühl ein Team zu sein.

Vor allem aber macht sie Spaß – wenn das Thema richtig angegangen wird und es eben nicht nur um das Hinterher-Rennen, das „Pushen“, das Finden mit großem Getöse und mit medienwirksamem und reißerischem Auftritt geht. Nasenarbeit ist Konzentrationssache, sie ist Detail- und Geduldsarbeit und hat definitiv keine filmreife Sonnenbrillen-Szenen mit schweren Waffen und Hunden auf Erregungslevel 100 nötig.

Es ist eine stille, präzise, spannende und mit Überraschungen und Teamgeist gespickte Beschäftigung, die sorgfältigen kleinschrittigen Aufbau der einzelnen Elemente und ein gemeinsames Ziel im Fokus hat. Kurzum, sie ist einfach wunderbar!

Rein technisch ist Nasenarbeit der bewusste und zweckgerichtete Einsatz des hündischen Geruchssinnes auf ein bestimmtes Signal, um etwas oder jemanden zu finden und das Gefundene dann anzuzeigen.

Zwei Bereiche der Nasenarbeit mit dem Hund

Es ist zunächst zu unterscheiden zwischen der Geruchsentdeckung und dem Match to Sample.

Bei der Geruchsstoffentdeckung wird der Hund auf einen bestimmten Geruch geprägt (Imprinting). Diesen Geruch soll er dann auf das Startsignal hin suchen, finden und anzeigen.

Das Suchfeld kann hier eine einfache Reihe aus verschiedenen Behältern sein, es kann ein Trümmerfeld sein, es kann ein Wald, ein Feld, eine Industriehalle, ein Bürogebäude, ein Bahnhof, ein Flugplatz, eine Autobahnratsstätte, eine Parfümerie, ein Zoogeschäft oder ein Bus oder Auto sein.

Das Suchfeld kann also alles sein.

Der Geruch kann auf dem Boden, in Nasenhöhe, über Kopfhöhe, in Behältern aller Art, in einer Wand, unter der Erde oder in einem menschlichen Körper sein.

Der zweite Bereich ist der Bereich des Match to Sample. Das heißt, dass der Hund eine Geruchsprobe zum Schnüffeln erhält und dann diesen – und nur diesen – Geruch unter einer Vielzahl von gleichartigen Gerüchen differenziert, erkennt und anzeigt. Bei dieser Variante kann der Hund einer Geruchsspur folgen, bis er dort, wo der Zielgeruch am intensivsten ist, abgekommen ist. Es ist möglich, dass der Hund der Spur eines ganz bestimmten Menschen folgt, obwohl er diese Spur aus einer teilweise unfassbar großen Anzahl aus anderen (Menschen)Gerüchen finden und verfolgen muss und das unter extremen Ablenkungsreizen. Er muss außerdem lernen, dass er diese Spur von einer schwachen Intensität zur größtmöglichen Intensität verfolgen muss.

In beiden Varianten lernt der Hund nicht das Suchen selbst, das kann er längst. Er lernt aber ein Startsignal, ein sicheres Anzeigeverhalten, von seinem Menschen unabhängig zu arbeiten und ausnahmsweise nicht auf die (teils unbewussten, teils bewussten) Signale und/oder die Körpersprache seines Menschen zu reagieren. Er lernt, dass er unter äußerst großer Ablenkung in der Umwelt seinen Fokus nicht verliert und vor allem: Er lernt zunächst einmal ein Konzept.

Nasenarbeit ist nicht nur das Suchen, sie besteht aus verschiedenen Elementen

Der Geruch

Mit dem Anzeigeverhalten geht einher, dass der Hund den Geruch, den er suchen, finden und anzeigen soll, derart attraktiv empfindet, dass er Suchaufgaben mit entsprechender Motivation arbeiten kann. Auch hat der Hund zu lernen, dass der Geruch im Prinzip überall auftauchen kann. Am Boden, auf Nasenhöhe, über Kopfhöhe, in (verschiedenen) Behältern, in der Natur, an einem Menschen, an Textilien usw. Imprinting (der Hund wird auf den Geruch geprägt) folgt den Regeln der Klassischen Konditionierung und macht an sich bereits eine Menge Spaß. 

das Anzeigeverhalten bei der Nasenarbeit mit dem Hund

Mit dem Anzeigeverhalten zeigt der Hund dem Menschen, dass er das, was er gesucht hat, auch gefunden hat. Es ist nicht immer ratsam oder möglich, dass der Hund den Gegenstand, der den Zielgeruch trägt, anstupst, in den Fang nimmt, mit der Pfote bepatscht oder bellend vor dem Gegenstand steht oder sitzt. Das Anzeigeverhalten ist für die Nasenarbeit unerlässlich und wird für den jeweiligen Hund (was fällt ihm leicht, was fällt ihm schwer?) und insbesondere für seine individuelle Arbeit ausgewählt. Das Anzeigeverhalten ist eines der ersten Verhaltensweisen, das im Rahmen der Nasenarbeit trainiert wird und das sehr sorgfältig und kleinschrittig aufgebaut und extrem verstärkt wird. Es ist nämlich nicht nur wichtig, dass der Hund das Verhalten beim Fund zeigt, es ist von großer Bedeutung für die Nasenarbeit, dass er dieses Verhalten völlig unabhängig davon zeigen kann, was sein Mensch gerade macht oder nicht macht. Der Hund soll anzeigen, egal was der Mensch macht. Also selbst dann, wenn der Hund anzeigt, der Mensch aber an seinem Hund vorbeigeht ohne ein einziges Mal Blickkontakt aufzunehmen, soll der Hund weiterhin anzeigen und seinem Menschen sagen: „Doch! Guck doch! Ich habs gefunden!“. Dann soll der Hund dem Zielgeruch mehr „gehorchen“, als seinem Menschen (obedience to odor). Das ist das eigentlich Anspruchsvolle am Anzeigeverhalten: Dass der Hund es völlig unabhängig von seinem Menschen zeigt und sich in jedem Fall zum Geruch orientiert.

Das Suchen

Das Suchen braucht der Hund nicht zu lernen, das kann er von selbst Was der Hund sucht, wie er es sucht und wann er es sucht ist das, was der Hund durch Training lernt. Hängt der Mensch hinten an der Leine, während der Hund sucht, hat der Mensch in jedem Fall seinen eigenen Plan, ob er das will oder nicht und egal ob ihm das bewusst ist oder nicht. Es muss daher sichergestellt werden, dass der Hund tatsächlich den Geruch sucht bzw. einer Geruchsspur folgt und sich nicht an den bewussten oder unbewussten Signalen seines Menschen orientiert. Training beim Suchen bedeutet nie, dass der Hund das Suchen lernen muss, sondern dass trainiert wird, wie er sucht. Hier ist Feingefühl des Menschen, eine gute Beobachtungsgabe für das Ausdrucksverhalten seines Hundes und eine recht hohe Impulskontrolle des Menschen erforderlich 😊

Nasenarbeit mit dem Hund

Nasenarbeit mit dem Hund: mein Fazit

Nasenarbeit mit dem Hund ist also viel mehr als reißerische Szenen aus Filmen, rennende Hunde und rennende Menschen – und das ist auch gut so.

Wichtig ist, dass die Motivation des Hundes stets aufrechterhalten und gefördert wird. Die „Arbeit“ und der Geruch müssen etwas Positives für den Hund sein und er muss Spaß haben. Das erreicht man im Training nicht durch das Überstülpen irgendwelcher Plastiktüten mit irgendwelchen Zielgerüchen über den ganzen Hundekopf, dünne Leinen an dünnen Halsbändern oder der körperlichen und kognitiven Überforderung des Hundes. Man erreicht es durch kleinschrittigen Aufbau der einzelnen Elemente, der detaillierten Beobachtung des eigenen Hundes was seinen Leistungsstand und seine Tagesform, aber auch seine Vorlieben und Abneigungen bzgl. des Wetters oder der Umwelt betrifft.

Und das Wichtigste: Man erreicht es, wenn man als Team Spaß hat und der Weg das Ziel ist.

Möchtest Du mit Deinem Hund auch das Abenteuer Nasenarbeit erleben? Dann schau hier vorbei und melde Dich gleich an!


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